Skopje und die Medical School

Das Bayerische Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) hat vom 29.10.2017 bis 04.11.2017 ein Bildungsprogramm „Erasmus+" angeboten. 18 KollegInnen aus Bayern, die in der Beschulung von Geflüchteten tätig sind, haben an diesem Projekt, welches die Teilnehmer in eine berufliche Oberschule der mazedonische Hauptstadt Skopje führte, teilgenommen.

 

Mein erster Eindruck: ein Land mit Extremen

 

Prunkvolle Bauten in der Innenstadt, Kirchen, Museen und Brücken kunstvoll gestaltet, haben sehr beeindruckt. Gleichzeitig wurde wir auf die am Wegesrand sitzenden Bettlerinnen und Straßenkinder aufmerksam, die auf der Straße mit Reinigung der Autofensterscheiben ein paar Dinare erarbeiten wollten. Besonders von den jüngeren Menschen wurden die gestellten Fragen nach dem Weg oder Wünsche nach Erläuterungen über Denkmäler und Bauten detailliert und freundlich beantwortet; - in englischer und zum Teil auch in deutscher Sprache.

Fußgänger hatten nicht immer die Möglichkeit, auf den für sie vorgesehenen Wegen von A nach B zu kommen. Teilweise parkten Autos auf den Gehsteigen oder die Wurzeln der Bäume führten zu Verschiebungen der Betonplatten. Diese Situation ist nach späteren Erläuterungen von Mazedoniern auch der Grund, warum ältere und geheingeschränkte Menschen häufig zu Hause bleiben. Man konnte keinen Menschen mit einem Rollator sehen und das Straßenbild unterscheidet sich sehr von meiner Heimatstadt Straubing. Besonders zu erwähnen ist auch die Atmosphäre, das gesellige und turbulente Treiben insbesondere im türkischen Viertel. Ein Cappuccino in einem Straßencafé ist aber nur ein Genuss für Männer und Touristinnen – einheimische Frauen sind dort nicht zu sehen.

Im interkulturellen Training in den Nachmittagsstunden durften wir vor allem in den teamorientierten Lehr/Lerneinheiten selber reflektieren:  in dieser herzlichen und wertschätzenden Atmosphäre konnten wir einige Selbsterfahrungen machen, die vorher eher als kognitives Wissen gespeichert waren. Sehr wertvoll ist die von Stephan Plichta methodisch erstklassig gestaltete Sammlung unserer Gedanken und Erfahrungen im Umgang mit geflüchteten Menschen in den Klassen gewesen. Kurzweilig und höchst konzentriert konnten wir unsere Ideen auf das Papier bringen. Dies wurde für mich eine sehr nachhaltige Aktion. Diese Sammlung wurde dem Kultusministerium übergeben und soll eine zukünftige Ausrichtung der Flüchtlingsbeschulung anhand der Erfahrung der Lehrkräfte aus unserem kreis ermöglichen.

Einen Nachmittag im Matka-Tal und die Abendessen mit wohlschmeckender mazedonischer Küche, nutzen wir um unsere Beobachtungen, Erfahrungen und Beweggründe unserer Arbeit mit den geflüchteten Menschen auszutauschen und uns gegenseitig zu bereichern.

Die Einführung im Goetheinstitut durch Frau Sonja Krüger und vor allem der Austausch mit dem gebürtigen Mazedonier Denis Ajdaroski, der in Deutschland studiert hatte, bewegt noch immer. Viele Fragen wurden beantwortet; - seine reflektierten und detaillierten Erläuterungen wurden zu Impulsen, haben neue Fragen aufgeworfen, denen wir dann wieder in weiteren Begegnungen, besonders an unserer Hospitiationsschule, nachgehen konnten.

Die herzliche Aufnahme und Gastfreundschaft in der „Medical School Dr. Panche Karagjozov High School" war sehr eindrucksvoll. Sie ist eine medizinische Oberschule (berufsvorbereitende Schule) und bietet eine sekundäre berufliche Ausbildung an. Am Ende steht ein Techniker-Abschluss in den fünf Ausbildungsbereichen Medizinische Krankenschwester, Zahntechniker, Physiotherapeut, Labortechniker und Hebammen. Insgesamt werden 2272 Schülerinnen und Schüler von 164 Lehrkräften in zwei Schichten am Vormittag und Nachmittag unterrichtet. Im ersten Ausbildungsjahr stehen allgemeinbildende Fächer im Vordergrund - ab dem zweiten Ausbildungsjahr folgt eine berufliche Spezialisierung. Ein Schuljahr umfasst 36 Schulwochen, dazu kommen dreiwöchige Weihnachtsferien und eine dreimonatige Ferienzeit im Sommer. Im ersten und zweiten Ausbildungsjahr ist in den Sommerferien ein jeweils vierwöchiges Praktikum in Partnerunternehmen zu absolvieren. Ab dem dritten Jahr leisten die Schüler ihr Praktikum während der Schulzeit (3. Jahr: 2 Tage/Woche, 4. Jahr 2,5 Tage/Woche) ab.

Die medizinische Krankenschwester ist verpflichtet nach der vierjährigen Ausbildung ein sechs monatiges, unentgeltliches Praktikum abzuleisten, bevor sie als bezahlte Fachkraft eingesetzt wird. Ihr pflegerisches Tätigkeitsfeld umfasst die Assistenz bei medizinischen Behandlungen, Impfungen, die Erfassung von Vitalwerten, die Verabreichung von Medikamenten und die Sterilisation von Instrumenten und Materialien.

Die Schule vermittelt nicht nur fachspezifisches Wissen, sondern auch Allgemeinbildung, z.B. durch die Aufnahme des Unterrichtsfachs Geschichte ins Curriculum der ersten beiden Jahre. Besonders hervorzuheben sind die „Extra Curricular Activities" (außerunterrichtlichen Aktivitäten). Dafür treffen sich die Schüler jeden Freitag von 13 bis 14 Uhr zu einer Schuldiskussion und Vorbereitung von Projekten.

Der Schule angegliedert ist für Schüler aus dem Umland ein Internat mit 110 Plätzen. Unterbringung und Verpflegung sind für die Schüler kostenlos.

Der herzliche Empfang und die Offenheit beim Einblick in den Lehreralltag und alle Unterrichtseinheiten bleiben mir in Erinnerung. Am ersten Hospitationstag wurden verschiedene PowerPoint-Präsentationen von den Schülern in englischer Sprache vorgestellt und von musikalischen Einlagen umrahmt. Alle auftretenden Fragen wurden zudem differenziert und ausführlich von der stellv. Direktorin Frau Sonja Slavkovic beantwortet. Auch seitens der Schüler wurden unserer Lehrergruppe großes Interesse und Freundlichkeit entgegengebracht.

Unsere Hospitationseinheiten waren geplant und individuell unseren Bedürfnissen zugeschnitten. Bewegt von der für mangelnden Bausubstanz der Schule wurde ich gleichzeitig von der Herzlichkeit und dem Miteinander der Schüler angesprochen. Die ethnische Vielfalt, die uns am ersten Besuchstag in einer eindrucksvollen Powerpointpräsentation in englischer Sprache erläutert wurde, war für mich im alltäglichen Miteinander wahrnehmbar. Der stellvertretenden Direktorin Sonja Slavkovic scheint es ein sehr großes Anliegen zu sein, die ethnische Vielfalt in ihren Ressourcen zu nutzen und nicht die Probleme im Fokus zu haben.

Für mich waren die Tage in Skopje und speziell auch an dieser Schule sehr wertvolle Erfahrungen. Wenn in meinem (beruflichen) Alltag immer wieder die Probleme groß gemacht werden, so konnte ich in den zurückliegenden Tagen erleben, dass Menschen in schwierigen Rahmenbedingungen das ihnen Mögliche als Chance begreifen und kreativ umsetzen. Ich wünsche mir sehr, dass sich eine Partnerschaft entwickelt und wir den Austausch intensivieren können. Neben einer inhaltlichen Unterstützung seitens der deutschen Kenntnisse könnten wir durch ihr wertschätzendes Verhalten im Umgang mit Menschen voneinander lernen.

Durch diese Reise bin ich sehr beschenkt an Eindrücken, an Impulsen für Visionen für die Zukunft, Wissen und Erfahrungen durch die Begegnungen mit den Menschen in Skopje und mit den KollegInnen aus Berufsschulen aus ganz Bayern. Einen besonderen Dank möchte ich an Stephan Plichta weitergeben: Seine höchst engagierte Vorbereitung und Durchführung dieses wertvollen Projektes und auch seine Flexibilität und wertschätzende Umgangsweise mit uns TeilnehmerInnen, sein vorbildhaftes Verhalten in herausfordernden Situationen und seine Herangehensweise und Ausdrucksfähigkeit mit den AnsprechpartnerInnen vor Ort machte diese Tage zu einem besonderen Highlight meiner (beruflichen) Laufbahn.

 

Mein zweiter Eindruck: Viele Fragen bewegen mich.

 

Besonders aber: „Wie kann es gelingen, dass junge Menschen in Mazedonien nicht als Vision für ihr Leben die Flucht aus ihrem wunderschönen Land sehen, sondern eine Zukunft für sich auch in Mazedonien in den Blick bekommen können?"

 

Michael Hien, StR

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Michael Hien mit der Direktorin des Universitätsklinikums Skopje und Mitarbeitern der Kinderstation.

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Im Besprechungsraum der Medical School mit stellv. Schulleiterin Sonja Slavkovic und den bayerischen KollegInnen

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Klassenzimmer

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Lehrerzimmer

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Unterricht

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Arbeit am Papier zur Beschulung von Flüchtlingen für das KM

Mathias-von-Flurl-Schule

Staatliche Berufsschule II

Straubing-Bogen

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